Das Licht
Das Jahr wusste nicht, dass ein neues „Jahr“ auch immer ein neues „Ja“ bedeutet. Da das Jahr die Fähigkeit zum Schreiben nie gelernt hatte, fiel es ihm auch gar nicht auf, dass beide Worte sich genau gleich aussprachen. Und das Jahr dümpelte so vor sich hin – wie in jedem Jahr. Es valentinte, es osterte, es maite, es pfingstete, sommerte und herbstete, wie in jedem Jahr vorher auch.
Blumen wuchsen und blühten und verwelkten dann wieder. Also: alles, wie gehabt.
Dem Jahr zog ein Spruch durch den Kopf, den es wie einen Ohrwurm den ganzen lieben langen Tag vor sich hin murmelte:
„Ist das denn wirklich neu?
Aus Gras wird schließlich Heu!“
Der Sommer wurde eingeläutet, der Herbst kam und mit ihm erste Stürme. Dann wurde erntegedankt. Doch das bekamen auch viele gar nicht mit, denn die Regale im Supermarkt waren gut gefüllt und Erdbeeren hatten mitnichten etwas mit den hohen Sommermonaten zu tun. Sie waren gut gekühlt auf geheimnisvollen und dennoch ganz leicht nachvollziehbaren Wegen, unbeschadet und mit immensem Aufwand im Kühlregal gelandet.
Irgendwann einmal wurde es im Laufe des Jahres – wie in jedem Jahr – immer dunkler. Dieses Prozedere war dem Jahr bekannt. Das Jahr gähnte. „Langweilig!“, stöhnte es, „immer wieder das Gleiche. Ein Schützenfest nach dem anderen, alljährlich gezählte Schnapsleichen auf einem Oktoberfest, die Zählung der Verkehrstoten und der erste oder der letzte Schnee. Und dann noch Jahresrückblicke! Gräßlich! Es wiederholt sich alles – immer wieder und wieder.“ Das Jahr war schläfrig geworden. „Wenn jetzt noch ein bisschen Coronavirus dazu kommt, dann bleibe ich einfach ganz und gar auf meinem Sofa liegen. Das machen alle anderen ja auch kaum anders!“ Und schon fielen dem Jahr fast die Augen zu.
Das Jahr war frei von der Sorge, sich mit irgendetwas anstecken zu können. Jahre werden nicht von Viren infiziert. Und dieses Jahr war bereits so in der Endlosschleife einer sich permanent drehenden Mühle gefangen, dass ihm gar nicht aufgefallen war, dass irgendetwas nicht ganz normal ablief.
Und wie in jedem Jahr, wurden die Tage immer kürzer und die Nächte immer länger. Und das Jahr machte es, wie alle anderen auch, es dämmerte so vor sich hin und fragte sich schon gar nichts mehr.
Eine Stimme war zu hören und eine Pflanze zu sehen: „Hallo, schau mal, ich bin Helleborus niger. Ich mache es anders, als alle anderen, ich blühe im Schnee! Das geht im Grunde gar nicht. Ich bin ein Wunder! Manche nennen mich auch „Christrose“. Aber ich bin wirklich und wahrlich nicht nur für die Christen unterwegs!“ Das allerdings hörte das Jahr schon kaum mehr, seine Augen waren schon halb geschlossen. Das Jahr reagierte keineswegs. Das Jahr war träge und hörte nicht zu.
Es klopfte. Eine Mistel versuchte vergeblich, gehört zu werden. „Meine Früchte reifen erst im Winter, das geht auch nicht. Und eine wichtige Heilpflanze bin ich auch, ein ebensolches Winterwunder, wie Helleborus niger. Schau mal!“ Das Jahr grunzte unwillig, mehr Reaktionen kamen nicht von ihm.
Nachts flüsterte jetzt manchmal eine Stimme in sein Ohr: „Eine göttliche Dimension streut dir Grüße vor deine Füße. Finde sie!“ – „Papperlapapp! Interessiert mich nicht. Lass mich in Ruhe!“, murmelte das Jahr, „ich will weiter schlafen.“ Das Jahr drehte sich auf die andere Seite und schlief schon wieder tief.
Es klingelte. Mühsam erhob sich das Jahr von seinem Sofa. Es öffnete die Tür. Niemand war da. Da lag nur ein Paket. „Für das neue Ja/hr!“ stand darauf. Doch das konnte das Jahr ja nicht lesen. Es nahm das Paket und öffnete es.
Und dann? Dann rauschte es. Es zog wie ein Komet einmal durch das ganze Zimmer und schwirrte hin und her. Das war ein Strahl voller Licht. Es sauste durch den ganzen Raum und machte ihn hell.
„Da bist du ja wieder“, sagte das Jahr leicht erstaunt und rieb sich die Augen, „ich hatte fast vergessen, dass es dich gibt.“
Und aus den Ecken raunte es jetzt: „Da ist sie, die Idee! Und die Begeisterung! Das Licht ist wieder da – wie neu geboren!“
Das passierte am 22.12. des Jahres. Ob das Ja/hr davon angesteckt werden kann?
(Copyright: Claudia Cardinal 21.12.2020(